Samstag, 18. Juli 2009
Wer so wirbt, stirbt ...
Zugegeben, mein Lieblingsblogger ist seit geraumer Zeit ein gewisser 'Don Alphonso'. Eine Mischung aus Kunstfigur und wohlhabend bis reichem Mann aus Ingolstadt, der neben politisch-intelektueller Ambition auch einen wirklichen Namen hat, den man bei Bedarf leicht recherchieren kann. Sein Blog wird u.a. über die Online Ausgabe der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' verbreitet. Zuletzt ging es auf der ranghöchsten deutschen Kapitalisten-Site dank 'Don Alphonso' wieder einmal ums Thema Werbung. "Der Don" wie er von seinen Verehren genannt wird geißelte, über die FAZ wohlgemerkt, ausnahmsweise nicht: die Verpestung des öffentlichen Raumes mit Firmenbotschaften. Vielmehr klärt, über die FAZ wohlgemerkt, der mit Immobilienbesitz auch am Tegernsee reich gesegnete Bayer darüber auf, wer jetzt wirklich den Werbemüll tagtäglich schlucken muß - und wer nicht. Um einen auch soziologisch relevanten Hinweis zu geben, greift er aufs klassische Methodenrepertoire zurück, teilnehmende Beobachtung. Er beschreibt einfach wie es bei ihm am pickfeinen Tegernsee mit der Werbung aussieht; eine Gegend, die als Rückzugsgebiet für sehr wohlhabende, sehr reiche einschließlich ganz superreiche Deutsche fungiert. Zunächst titelt 'der Don' so: Werbung oder Das Gegenteil von Oben. Dann beschreibt er dieses und jenes aus seiner Tegernseeer Umgebung und kommt zu folgendem Schluß: "Sobald man auf dem Weg zum Bäcker keine Werbung mehr sieht, ist man oben. Werbung definiert das Unten. So einfach ist das eigentlich." Bis sich diese Einsicht auch in Klagenfurt herum sprechen wird, wird noch einige Zeit vergehen. Obwohl: es ist wirklich so einfach, man braucht nur hin sehen. Je mieser, minderwertiger und unnötiger das Produkt, umso greller, knallfarbiger und massenhafter ist die Werbung. Nach 'Red Bull' und der lange kackblauen und jetzt kackorangen Partei, die jedes Kärntner Dorf mit Plakaten zuschüttet, liefern das beste Beispiel dafür - die Klagenfurter Trafiken. Überall wo sich Leute befinden, die sich nicht wehren können, gibt es mehr, mehr und noch mehr Oberflächen, die von gewerbsmäßigen Werbern mit sinnloser Information vermüllt werden. Aber nur die Klagenfurter Trafiken setzen immer noch einen drauf. Sie pfeifen unter den Schlägen von bonapartistischen EU-Komissaren aus dem letzten Loch. Dem Trafik-Verkauf von 100 bis 150 unterschiedlichen Zeitschriften mit Horoskop macht längst das Internet beinhart Konkurrenz. Wären nicht Lotto, Toto und die Rubbellose, die Trafikanten wären schon weg. Um noch eine Weile durch den Verkauf von blauem Dunst & Co leben zu können, bauen die Verzweifelten dann eben auf die Werbung. Der Schwachsinn mit dem sämtliche Klagenfurter Trafiken zugepickt sind, hat mittlerweile aber selbst für mich etwas rührendes. Denn wer so wirbt, stirbt. Den ersten Anstoß zur Mitleidsbereitschaft gab ein anregendes Nachmittagsgespräch mit einer von mir sehr geschätzten Magistra artium im 'Theatercafe'. Ich schilderte ihr zunächst die Trafiken, die sie ja alle kennt weil sie oft raucht wie der Teufel, als den schlimmsten Ausbund der innerstädtischen Häßlichkeit. Meine sehr geschätzte Magistra ist bereits seit ihrer Zeit an der Akademie hauptberuflich mit dem Anschauen und Erfinden von Oberflächen, Linien, Farben, Formen, Flächen, Räumen, Figuren usw. befasst. Eine Spezialistin für das Visuelle. Deshalb dauerte es nicht lang, bis ich von ihr sanft korrigiert wurde. Sie hat es so nicht wortwörtlich gesagt doch gemeint, dass ihr die Trafiken an Klagenfurt eh noch so halbwegs gefallen. Und es stimmt ja auch. Die Klagenfurter Trafiken erzählen die Situation, in der sich zehntausende Menschen tagtäglich befinden, um vieles präziser als das Radioprogramm oder die Zeitungen, die hier gemacht werden. Das vergiftete Aufatmen mit Marlboro, Milde Sorte & Co. Das Lotto, Toto und die Schimäre vom Ende der Arbeit durch das rasche Geld. Die noch immer jeden Tag tonnenweis verkauften Zeitungen mit den durchschnittlichen Satzlängen von 8,6 Wörtern. Wenn man genau auf die Trafiken hinschaut findet sich auch so manches interessante Detail. Junge Kampfsportler, die ihre Gegner (den Schiedsrichter?) zum Raufen, zum oralen Verkehr oder sonstwas auffordern; eine emotionale Verwirrung, die für Kampfsportler vielleicht gar nicht untypisch ist. Und natürlich die "Hypo Bank", bezeichnerderweise gleich über dem Mistkübel. Geklebt wurde das Plakat im Frühling 2008, also noch einige Monate vorm Beginn der weltweiten Finanzkrise. Am 9. Juni 2009 hat die internationale Ratingagentur Moody's die gefährliche Situation ebenfalls erkannt und die Bewertung der 'Hypo Group Alpe Adria ' auf die Stufe "E+ gesenkt, bei einem negativen Ausblick" wie es in einer Pressemitteiling heißt. Weniger als "E" geht nicht mehr. "E" ist die niedrigste, zu vergebende Ratingstufe, wobei die einstige Kärntner Landesbank vorerst noch mit einem "+" versehen wurde. Was immer dieses "+" aber in Wirklichkeit bedeuten wird, es gilt, wer so wirbt, stirbt, oder fühlt sich wenigstens dem Tod sehr nahe. Für diese Einsicht genügt ein wacher Blick auf die Trafik zu Anfang der St. Veiterstraße. Wer will, kann sich freilich auch an Moodys orientieren.



Mittwoch, 3. Juni 2009
Bei den Engeln wohnen, oder doch nicht.
Vor zwei Jahren bin ich auf dieses Kleinod in der Innenstadt aufmerksam geworden. Ich war weder der erste noch der einzige der seltsam fasziniert davor gestanden ist. Erichtet wurde es unter dem neulich abgewählten ÖVP-Bürgermeister Harald Scheucher, ein Wirtschaftsmann mit legendären Beziehungen zu Investoren. Klagenfurt verdankt Harald Scheucher eine ganze Reihe stadtarchitektonischer Großprojekte (nebst der entsprechenden Anzahl wütender Bürgerinitiatiativen, die dagegen erfolglos mobil gemacht haben). Unter seiner Ägide wurde auch damit begonnen die öffentliche Wasserversorgung zu verkaufen. Harald Scheucher war auch dabei federführend den kommunalen Verkehrsbetrieb, das Fernheizwerk, die Stromversorgung sowie den beträchtlichen städtischen Wohnungsbesitz aus dem öffentlichen ins Privatrecht überzuführen, um auch das alles verkaufen zu können. Wie weit all diese Verkaufsprozesse mittlerweile gediehen sind, ist unklar. Ein signifikanter Ausdruck der politischen Kreativität des Stadtoberhaupts Harald Scheucher findet sich jedenfalls im, ja, im Lufthaus:

Lufthaus erbaut unter ÖVP Bürgermeister Harald Scheucher

Um das Gesamtkonzept des Projekts entsprechend würdigen zu können braucht es klarerweise auch Sensibilität für bestimmte Details:



Schöner Wohnen bei den Engeln im Lufthaus. Begonnen wurde dieses Projekt schon vor 2007. Dem Investor ist das Geld aber wirklich im ungünstigsten Moment ausgegangen. Er hat gerade noch soviel Kohle gehabt, um das alte Bürgerhaus soweit abreißen zu können wie es das Denkmalamt gerade noch erlaubt hat. Dann war es aus mit ihm. Ein Zustand an dem sich bis heute nichts geändert hat. 2008 wurde sogar in den eh nicht so bissigen Kärntner Zeitungen darüber gewitzelt. Bürgermeister Scheucher, der noch ein drittes mal gewählt werden wollte, mußte Handlungskompetenz signalisieren. Und die Lösung, die seine Experten nun vorgelegt haben, kann sich sehen lassen:



Ein Investment, das mitten in die Stadt einschlägt, wie eine Fliegerbombe im Zweiten Weltkrieg. Haus weg, denkmalgeschütze Fassade noch da, die Fenster weisen ins Leere, katholisch gesehen in den Himmel; Gras kann da keines drüberwachsen. Also Vorhang runter, halbtransparent mit klassizistischen Ornamenten, um das Stadtbild nicht zu stören. Ein authentischeres Erinnerungszeichen für den ganzen Investorenschwarm, der an anderen Stellen der Stadt noch viel übler zugeschlagen hat, läßt sich kaum denken. Trotzdem gibt es noch Leute, die selbst angesichts solcher stadtarchitektonisch-erinnerungskultureller Meisterleistungen nicht aufhören öffentlich herum zu meckern. Zum Beispiel beim 'Lufthaus' gleich um die Ecke gibt es diese am Boden klebenden Geister, die einfach keine Geschäftsphantasie entwickeln. Unsinnige Fassadensprüher, die 'singen' und was nicht noch alles wollen.