Klagenfurter Zeitung
Die Klagenfurter Zeitung, Jahrgang 1848, war vom letzten Spätherbst bis weit in den Winter hinein meine faszinierendste Lektüre. Die 1848er Revolution in Europa ist darin in voller epischer Breite abgebildet. Und wo nicht abgebildet zumindest thematisch angerissen. Noch die letzten Ausläufer, der von Paris - von wo sonst - ausgehenden Revolution in Moldavien werden in einigen Artikeln erwähnt. Ergänzt durch Wikipedia (danke liebe Leute!) und die einschlägigen Bände der Fischer Weltgeschichte läßt sich damit eine bereits anspruchsvollere Vorstellung des eminenten Jahres bis herunter zu den regionalhistorischen Ereignissen bilden, die im Fall von Kärnten freilich mehr reaktionär als revolutionär waren. Klagenfurt war damals eine Stadt mit kaum 15.000 Einwohnern. Die Redaktion der 'Klagenfurter Zeitung' hatte noch keinen Telegraphenanschluß, obwohl es die Technologie in Europa da und dort bereits gab. Die Eisenbahn kam erst mehr als ein Jahrzehnt später in Kärnten an und die Nachrichten aus Mailand, Petersburg, London usw. waren noch über weite Strecken mit der Postkutsche, im günstigeren Fall in den Taschen der reitenden Eillkuriere der Post unterwegs. So waren die neuestens Neuigkeiten in Klagenfurt immer schon einige Tage alt, mindestens. Aus Wien ging es etwas schneller, da die Informationen bis an den Fuß des Semmering bereits mit der Eisenbahn unterwegs waren und erst dann den Postkutschern und in dringenden Fällen den reitenden Kurieren anvertraut wurden. Und trotzdem. Die 'Klagenfurter Zeitung' war bei aller informationstransport- und epochenbedingten Begrenztheit im Vergleich zu den heut in der Stadt erscheinenden Blättern ein sachlich kompetentes und bis zu einem gewissen Grad auch bewunderswertes Qualitätsprodukt. Für diejenigen, die auch zwischen den Zeilen lesen konnten, war sie ein Qualitätsprodukt selbst in den zweieinhalb Monaten zu Beginn des Jahres 1848 als die metternich'sche Zensurbehörde noch existierte, und "der alte Gauner" wie der Fürst Metternich bei Friedrich Engels heißt noch nicht nach England geflohen war. Am schlimmsten ist heute, vom Gratiszeitungs-Werbemüll abgesehen, die 14tägig an jeden Haushalt zugestellte "Klagenfurt - Die Stadtzeitung mit amtlichen Nachrichten". Diesmal 48 Seiten stark mit 15 Farbbildern vom neuen alt- bis extrem rechten Bürgermeister Christian Scheider. Sein höchster Ausbildungsabschluß: Heeressport- und Nahkampfschule. Sein Beruf bevor er in der Kommunalpolitik hochgekommen ist dem Vernehmen nach: Bote! Der einzige Lichtblick in den diesmaligen "amtlichen Nachrichten": Victor Vasarely ab 4. Juni in der Stadtgalerie. Die polnische Kustodin sagte schon vor einigen Tagen es werden nicht nur ein paar Blätter von ihm dabei sein, um über den Sommer Touristen anzulocken. Hätten im Jahr 2006 die Nasenbohrer im Stadtsenat nicht den Kunst- und Aktionsraum vom Rogy zerstört, könnte man wenigstens über den Ausbau des hiesigen Ausstellungsbetriebs was positives sagen. Eine Tochter des im letzten OKtober mit dem PS-starken VW "Phaeton gegen den Bäton" geknallten Rechtspopulisten hat eine Dissertation über Arnulf Rainer geschrieben. Die Haider-Tochter soll jetzt im hiesigen Kulturbetrieb als Managerin installiert werden. "Mit dem Phaeton gegen den Bäton" ist übrigens ein Gedicht von Don Alphons, das man sich ruhig einmal ansehen kann. Es gehört zu den besten Jörg-Haider-Gedichten, die mir untergekommen sind. Nahe Angehörige und die noch immer in ihn Verliebten sollten aber noch eine Weile die Finger davon lassen.